Münzviertel

Blume

Heckenschützen

von Britta Höper

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Die Straßen sind Wunden, in denen der Verkehr eine ständige Entzündung verursacht. Spalding- und Amsinckstraße, Högerdamm, Nordkanalbrücke. An den Rändern narbiges Gewebe. Bahntrassen. Gewerbebauten halbleer, leer, trostlos. Bautafeln, die weitere Gewerbebauten ankündigen. Ein paar Wohnhäuser, vergessen von Bomben und Behörden, an denen die Autos achtlos vorbeifahren. Repsoldstraße, Rosenallee, Woltmanstraße.

Hühner in die Rosenallee, skandiert der Rosenkönig, Sonnenblumen auf den Hühnerposten! Früher waren hier die Patrioten zu Hause, die haben nicht nach oben geguckt, zu König, Gott und Baubehörde, nach unten ging ihr Blick. Hier – Hederich und Gundermann zwischen den Gehwegplatten, da drüben Berber, Junkies und Sozialhilfeempfänger und wie sie noch sagen zum Unkraut genannten, das sie in ihrer schönen, neuen Stadt nicht haben wollen. Hier soll es jetzt austreiben. Mir ist es Recht und Kunst im öffentlichen Raum.

Auf der derb zusammengezimmerten Bank zwischen den zwei amerikanischen Eichen sitzt eine Frau unter Schleiern und lässt eine Gebetskette durch die Finger gleiten. Die Sonne sinkt auf Feierabendniveau, der späte Februar flüstert was vom Frühling. Die Männer vom Tiefbau beeilen sich wegzukommen. Einer stampft mit einer 4-Takt Rüttelplatte den übrig gebliebenen Aushub unter den beiden Bäumen fest. Ihre Äste zittern in der kalten, klaren Luft. Dass man hier wohnen kann, sagt einer der Bauarbeiter und schüttelt sich. Als die Rüttelplatte aufgeladen ist, fädelt der Pritschenwagen sich in den zähen Autostrom stadtauswärts ein.



Fotos: Günter Westphal


Folgendes, Leute, erklärt der Stadtplaner, große Sache. Er holt weit aus, um seine langen Arme unter dem Tisch um seine Beine zu wickeln. Ich, also wir als Stadtplanungsbüro, haben vom Bezirk den Auftrag für die Behörde im Rahmen des Stadtentwicklungsprogramms ein Gutachten über die Defizite und Potentiale des Münzviertels zu erstellen. Klingt kompliziert, ist aber.

Grün, jubeln die Bewohner, wir brauchen mehr Grün.

Und dann gehen hier die Mieten, sagt der stämmige Schwabe hinter dem Vorhang und zeigt mit dem Finger in die Unendlichkeit, oder was?

Nein! Nein!, wehrt der Stadtplaner ab, erst einmal sammeln wir ja nur Vorschläge. Sein Lächeln, jovial und offen, ist das eines Experten.

Manchmal, an Sonntagen bei Vollmond, hört man das stete Tröpfeln giftiger Flüssigkeiten – Altöl, Batteriesäure, Benzin – aus den trübseligen Kolonnen stehender Autos. Sie drücken sich in Cliquen auf Baulücken zusammen oder hocken am Straßenrand.

Ein erster hoher, lichter Abend. Entzücken, Trotz und ein Schubkarren voll Glut wärmen die drei, vier, sieben Figuren auf den Stufen vor den blinden Schaufenstern. Eine Streife kriecht vorbei. Verschwindet. Kommt wieder. Und hält. Breitbeinige Fragen nach dem Wer und Warum. Dann eine väterliche Warnung und Abgang.

Dies ist die Straße, knurrt es auf den Stufen, in der wir leben.

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Der Baumschneider hat zehn Kubik Mutterboden, ein Dutzend halbwüchsige Ebereschen und zwanzig Rosenstöcke, sagt die rothaarige Stimme am Telefon. Seid ihr bereit?

Leute, Rank- und Kletterpflanzen an Fassaden muss der Hausbesitzer bewilligen. Für Pflanzkübel brauchen wir eine Sondernutzungsgenehmigung. Wir müssen die Auflagen für Verkehrssicherheit und Wegerecht beachten. Im öffentlichen Raum dürfen Bäume und Hecken von Privat gar nicht gepflanzt werden, das ist Sache des Tiefbauamtes. Ich habe schon Termine bei den entsprechenden Behörden vereinbart.
Die Stimme des Stadtplaners muss gegen unbeirrtes Knistern an.
Und brauchen wir nicht auch Pflanzkonzepte, wirft jemand ein.
Ja. Und Patenschaften. Fachliche Beratung. Kenntnisse über Mikroökosysteme. Stauden oder Einjährige.
Zu spät. Mit ihren Eizähnen durchstoßen die Keimlinge die harten Hülsen. Zu hunderten, von Akelei über Bartnelke und Calendula bis hin zu Ysop und Zinnie, atmen sie Kohlendioxid ein und Sauerstoff aus. Die Scheiben beschlagen.

Auf die Frage, warum die Platanen an der Nordkanalbrücke sterben müssen, zucken die Baumfäller mit den Schultern und werfen die Motorsägen wieder an. Befehl ist Befehl.




Ein dicker Mann mit mohnrotem Gesicht und einem Hund bei Fuß erstarrt in der Haustür.
Ja was, ja was, er schnappt nach Worten.
Die Braunflächen vor seinem Wohnklotz haben sich über Nacht in sanfte Landschaften verwandelt. Der Frühlingsatem hat die ersten Gräser auflaufen lassen, so dass grüner Flaum die Hügel bedeckt. In den Niederungen schlägt der Phlox seine roten Augen auf. Hummeln hängen unter tränenden Herzen. Salbei, Majoran und Minze verwandeln Sonnenlicht in ätherische Öle.
Der Mann dreht seinen Kopf zurück ins Treppenhaus brüllt: Inge! Komm runter! Aber ganz schnell! Das glaubst du nicht!

Korrekt sitzen die graumelierten Frisuren, Anzüge und Worte der Vertreter von Banken, Behörden und Parteien während der öffentlichen Sitzung des Bezirksausschusses. Den Bewohnern möchten sie nichts versprechen, aber sie können den Immobilienbesitzern günstige Kredite zur Modernisierung ihrer Objekte anbieten.
Ick kämpfe hier fürn Hundeplatz, für ne kleene Freiheit, brüllt plötzlich eine aufgeriebene Frau.
Dir hat keiner das Wort erteilt, bescheidet ihr ein geleckter Bursche mit der Gewalt seines Erbes im geistigen Rücken.
Woher kenn wa uns, will die Frau wissen.
Hahaha, lacht der Erbe, so was wie dich.
Dann will ick nich von Ihn geduzt wern, ruft die Frau, ick kämpfe hier bloß fürn Hundeplatz.

Mit Spitzhacken und Spaten brechen im Halbmond-, halb Laternenlicht zwölf Freigärtner den hochverdichteten Schotterboden auf.
Hier, der Rosenkönig stützt sich auf seinen Spaten, hatte Brockes, Dichter und Gründungsmitglied der Patrioten, seinen Garten. Hier traf er Telemann, hier gediehen seine Ideen von Gemeinnützigkeit, Offenheit und Toleranz, während sein Nachbar, der Kaufmann Hitz seine Rosenalleen mit einer Schiffsladung Kaffee düngte.
Okay. Und jetzt grab weiter, Mann. Unsere Toleranz hat Grenzen.

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Als sei der rosengesäumte Ebereschenhain an der Straßenecke immer schon da gewesen und habe ihn niemals interessiert, schleppt der halbnackte, übergewichtige Pudel sich an Bäumen und Büschen vorbei zum Rinnstein, um sich zu erleichtern. Oh, so etwas herrliches, girrt seine Besitzerin, habe sie nie gesehen. Viel öfter müsse es das geben, ach, wenn doch.
Zwei Autos umkreisen nervös den Platz, auf dem sie doch immer, gestern noch geparkt worden sind. 
Der Hund hat einen großen Haufen aus sich herausgedrückt und wird nach Hause geführt.

Das wird nicht schön.
Freudlos bleckt der ältere Herr seine langen, gelben Zähne. Er zeigt auf die Pfeifengrasbüschel, die ein nervöser Spund mit blassen Händen zwischen die Lanzen der Schwertlilien und die noch aufgerollten, riesigen Asseln ähnelnden, Blätter des Farns pflanzt.
Ich mach das hier nur. Weil, die hat hier einer hingestellt, die Töpfe und ich find die, also, ganz schön, eigentlich.
Buschrosen müssen da rein, drei Stück, weiß, rosa, weiß, wie Blumensträuße. Aber das Unkraut da, was glauben Sie, kann ich ein Lied von singen, war Hausmeister beim Asyl drüben.
Sie meinen die Ausländerbehörde?
Freilich. Fragen Sie mich mal. Schlimm. Also wirklich, armes Deutschland sag ich da und über den Pflanzkasten müssen Sie mit dem Dampfstrahler drüber. Mache jetzt nur noch Heckenschnitt. Aber das. Das wird nicht schön.
Die Dunkelheit, das Gutachten und drei Biere lasten schwer im Kopf des Stadtplaners.
Man wünscht, erklärt er müde, die Architektur unverstellt, sauber, monumental. Wenn überhaupt Geld dafür zur Verfügung steht, wird Begrünung dekorativ eingesetzt, von den ökologischen oder gar psycho-sozialen Effekten ist da keine Rede. Wucherndes Grün löst die Konturen der Architektur auf. Kann ich noch ein Bier haben?




Übers Feuer reicht ihm einer eine Flasche. Ein Hund buddelt im schroffen Boden auf der Baulücke am Sonninkanal. Dunkel klatscht das Wasser an den toten Uferverbau aus Beton.
Gehen wir rudern! verlangt eine träge Frauenstimme. Einer klemmt sich den Hund unter den Arm, dann steigen alle die Leiter zu den beiden Booten hinunter.  
Irgendwann wird einer kommen, sie kaufen und schleifen und dann richtige Bürotürme hochziehen. Bis dahin stehen die beiden Zwölfgeschosser geduldig und verrotten bei lebendigem Leibe. Manchmal stürzen Gebäudeteile ab. Um Passanten auf Abstand zu halten, hat man Barrikaden aus Betonkübeln errichtet. Mitgeliefert wurde der anspruchslose, traurige und daher geschätzte Cotoneaster.
Im Vorübergehen, leicht wie der Wind, streut einer von denen, die noch in den verlassenen Großraumbüros irrlichtern, Wildblumensaat zwischen das verrenkte Gestrüpp.

Mit Brechstangen hebelt ein Trupp Gartenguerilleros die Betonplatten vom Gehweg.
Auf der Bank zwischen den amerikanischen Eichen sitzt die Vietnamesin. Ihre Erregung verbirgt sie hinter fiebrigem Lachen und ihr Lachen verbirgt sie hinter ihrer Hand, die sie auf den Mund presst. Oh-oh Ärger, gluckst sie, das nicht erlaubt.
Aus dem Fenster im ersten Stock fliegen Bonbons auf die Straße. Görkemli! ruft eine Frauenstimme.
Die Birken, die gepflanzt werden, hatten sich durch den rissigen Asphalt auf dem Hühnerposten gestemmt. Die Bauarbeiten für das achtstöckige Gebäude mit überdachtem Atrium, in dem später Versicherungsangestellte lustwandeln sollen, haben begonnen.


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Blitz, Donner und querliegendes Wasser ziehen den Högerdamm rauf westwärts. Es entblößt sich ein zartvioletter Himmel. Dampfender Asphalt, triefender Schierling. Der Stadtplaner treibt unter Ahornbäumen auf die Einmündung Woltmanstraße zu. Zwischen den Parkbuchten flirren Mückengalaxien über windengewürgten Sonnenblumen. Unter den Bäumen rosten Fahrräder zwischen Quendel und Bleiwurz. Mauerpfeffer wuchert auf der Treppe zu einer der verlassenen Souterrainwohnungen. Habichtskraut hat das Pflaster aufgeworfen. Der Stadtplaner stolpert und verliert beinahe seine wichtige Nachricht.

Schwarz verlauste Kapuzinerkresse kriecht zwischen den Kirschlorbeerbüschen, diesen braven, blanken, die dem Ausländeramt zu Füßen kauern. Auf der Verkehrsinsel an der EckeAmsinckstraße verknotete Ringelweiden. Hopfen an und auf der Nordkanalbrücke. Aus Angst vor seinen abertausend Krallen, die auf dem Lack kreischende Kratzer hinterlassen, reihen sich die Autos auf dem Mittelstreifen aneinander, um am Fuß der Brücke wütend wieder auseinander zu scheren. Vollgas und ab nach Hause ins Grüne.

Die Gesichter sind kaum zu erkennen unter den Kapuzen.
Die letzte Angriffswelle hat voll eingeschlagen, flüstert die eine Gestalt. Wie viele Sprengsätze hast du diesmal dabei?
Genug.
Eine Saatbombe zerplatzt auf dem Kies zwischen den Gebrauchtwagen, zwei weitere treffen punktgenau den Mittelstreifen.

Hühner laufen untergehakt durch die Rosenallee. Sie haben schöne Haut und appetitliche Brüste. Bechermalven unterstreichen ihre Jugend.
Na, sagt der Stadtplaner. Habt ihr denn heute schon Blumen gegossen?



No talk – deeds, unterbricht ein tätowierter Hüne das Gespräch der Künstler über eine strafrechtlich einwandfreie Aktion zur temporären Verkehrsberuhigung des Münzplatzes.
Darf ich mal ausreden. Also, ich finde, wenn wir einfach Blumen auf die Straße malen.
Aber mit Kreide, ja?
Das muss heute noch verlegt werden, sonst ist das Zeug im Arsch.
Der Tätowierte zeigt auf einen Berg Rollrasen.
Vierzig Quadratmeter. Viel Spaß damit, ihr Scheißhippies.

So, ich glaube, wir können dann anfangen. Der Rosenkönig lächelt wissend. Sollten wir uns noch vorstellen?
Nee, gleich anfangen, zur Sache, raus mit der Sprache.
Der Stadtplaner tritt vor.
Leider, sagt er. Der zuständige Referent wird dem Senator keine Empfehlung geben, die in unserem Sinne ist. Er nimmt das Gutachten in dieser Form nicht an. Er verlangt, dass mindestens, der Stadtplaner streicht mit scharfen, schwarzen Strichen ganze Bereiche von der Karte, das südliche Gebiet, im Osten das Grundstück am Kanal und zuvorderst der Hühnerposten aus dem Antrag ausgeschlossen werden.
Na bitte, ruft der Rosenkönig. Na bitte!
Stille. Gedanken werden sortiert.
Aber.
Aber wieso.
Reißen und Platzen, steinige Einschläge, Tumult von berstendem Beton. Holunder, Knöterich und Zwergweiden treiben ihre Wurzeln beharrlich tiefer in Spalten und Ritzen. Sie sprengen sich den Weg durch die Spaldinghäuser frei.
Der Staub bleibt auf der nassen Straße kleben. Wegen der Rutschgefahr müssen die Autos ihre Geschwindigkeit bis fast zur Tonlosigkeit drosseln.

Juni 2006

www.be09.de